Schulter-Nacken Verspannungen

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Schulter-Nacken VerspannungenKaum jemand, ob Sportler oder Couchpotato ist vor ihnen sicher, gemeint sind die umgangssprachlichen Verspannungen im Schulter-Nackenbereich. Doch was steckt eigentlich dahinter, welche Ursachen gibt es, wie weit kann die Problematik führen und vor allem: wie werde ich diese lästigen Schmerzen wieder los? Diese und weitere Fragen, soll dieser Artikel klären und auf die gängigsten Symptome, Komplikationen und Lösungsansätze eingehen. Die Tipps und Behandlungsmaßnahmen ersetzen auch hier keinesfalls den Besuch beim Arzt, welcher durchaus nötig werden kann.

Definition und Differenzierung

Umgangssprachlich als Verspannung bezeichnet, wird ein Muskel dessen Spannungszustand (Tonus) zunächst erhöht ist. Man spricht deshalb auch von einem Hyper- Tonus. Dies ist die leichteste Form, die sich zunehmend verschlechtern kann und nicht selten in einem Hartspann, der Myosklerose endet. Ändert man nun seine Gewohnheiten nicht bzw. behandelt die Symptomatik nicht ausreichend, kann es zur schwersten, zum Teil irreversiblen Form, der Myogelose (auch Triggerpunkt genannt) kommen. Abgeleitet aus dem griechischen: Myos = Muskel, gelu = Kälte, ist die Myogelose eine wulstige, knotenartige Verhärtung im Muskel, welche i.d.R. tastbar ist und starke Schmerzen verursacht.

Myogelosen sind organsiche Veränderungen innerhalb der Myofibrille. Es kommt zunächst zu reversiblen kolloidalen Veränderungen in der Muskulatur. Bleiben sie längere Zeit bestehen, gehen Muskelfasern unter Kernvermehrungen, Schwund der Querstreifung und dem Verfall der Fibrillen zugrunde.
Aus: [2]

Ursachen

Wird ein Muskel ständig fehlbelastet, kommt es zu wiederholt monotonen statischen Belastungen [1], oder finden sich an der Wirbelsäule pathologische Formveränderungen, führt dies zu großer Wahrscheinlichkeit zu einer Spannungserhöhung der Muskulatur. Zusätzlich findet sich heutzutage der zunehmende Haltungsverfall in der sog. Sterno-Symphysialen Belastungshaltung wieder, hierbei nähert sich das Brustbein dem Schambein des Beckens an, jeder kennt diese suboptimale Haltung – nach vorn hängende Schultern, gekipptes Becken, nach vorn geschobener Kopf und der total eingerundere Brustwirbelsäulenbereich. Bewegungsmangel, stundenlanges arbeiten am PC und erworbene Haltungsfehler verstärken dieses Bild und konservieren es dauerhaft und alltagsrelevant.

Beide Faktoren: eine Spannungserhöhung und die statische Arbeit verringern die Durchblutung, der Muskel muss überwiegend anearob arbeiten, da er über die versorgenden Blutbahnen zu wenig Sauerstoff bekommt. Es häuft sich vermehrt Milchsäure an, was den Muskelstoffwechsel empfindlich stört. Verspannungen und Schmerzen sind die Folge. Im Rücken/Nackenbereich sind hauptsächlich betroffen: m.trapezius, m.erector spinae (Rückenstrecker), die mm.scaleni (Treppenmuskeln) und der m.sternocleidomastoideus (Kopfwender). Konkrete Fehl- oder Überbelastungen können sein:

  • Büroarbeit/stundenlanges Sitzen
  • “falscher” Sport = > ungleichmäßige Belastungen, falsche Übungsausführung
  • psychischer Stress = > “sich hängen lassen”
  • Wirbelsäulendeformitäten (Skoliose, Hyperkyphose “Buckel/Rundrücken”, Hyperlordose = > “Hohlkreuz”)
  • Schonhaltungen + reflektorischer Hypertonus bei Verletzungen des Thorax
  • übertriebene Dehnübungen = > Dehnen bis zur Schmerzgrenze
  • starker/ungewohnter Luftzug auf entkleidete Haut
  • “Blockierungen” der Wirbelsäule bzw. segmenatale Instabilitäten (Ursache als auch Folge)

Nun kann ein Teufelskreis entstehen, denn durch die Rückenschmerzen geht man automatisch in eine Schonhalte welche immer stärker werdende Verspannungen provoziert. Das neuromuskuläre System stellt sich nun zusehens auf die Spannung und neue Ansteuerung der Haltungsveränderung ein. Ein hypertoner Muskel drückt durch den Spannungszustand und seine fehlende Elastizität auch umliegende Gefäße, somit kommt es zu einer mangelnden lokalen Durchblutung, die Folge hiervon ist ein gestörter Abtransport von Stoffwechselendprodukten. Diese sammeln sich lokal und verhärten, somit entsteht die typische Myogelose – ein verhärteter Knoten (Triggerpunkt), angefüllt mit Laktat und sonstigem “Zellmüll”, der funktionell einen toten Punkt im Muskel darstellt da er nicht mehr am Stoffwechsel und der eigentlichen Funktion des Muskels teilnimmt

Symptome

Je nach Schweregrad beginnen einfache Verspannungen mit ziehenden und i.d.R. lokalen Schmerzen im betroffenen Muskel. Diese bei Bewegungen, aber auch in Ruhe auftretenden Beschwerden können im weiteren Verlauf über die Schultern bis in den Arm ausstrahlen. Die Muskulatur im verspannten Bereich ist hart und druckempfindlich, nicht selten ist auch ein spontan auftretendes kribbeln im Bereich der Verspannung und den Händen möglich.

Ursache hierfür sind Kompressionen von versorgenden Nerven und Gefäßen des Armes (später hierzu mehr). Zusätzlich kommt es zu Bewegungseinschränkungen, welche zumeist auf 2 Ursachen zurückzuführen sind: a) eine gestörte Funktion – durch den Hypertonus und die veränderte neuronale Ansteuerung ist die Elastizität bzw. Dehnfähigkeit des Muskels eingeschränkt und der Muskel ist scheinbar verkürzt. b) Schmerzen: durch diese wird das Bewegungsausmaß zusätzlich eingeschränkt, jeder der stärkere Schmerzen verspürt, wird sich hüten die Bewegungen auszuführen die Beschwerden provozieren.

Komplikationen

Wird eine gewöhnliche Nackenverspannung nicht richtig behandelt u.o. der auslösende Grund beseitigt, so kann es zu einer ganzen Reihe Komplikationen kommen, die weit mehr als nur die üblichen Nackenschmerzen auslösen. Allen vorran steht das sog. Cervical Syndrom (cervical = > die Halswirbelsäule betreffend). Eingeteilt nach den Segmenten der Halswirbelsäule (C1-C7), differenziert man zwischen oberem, mittlerem und unterem CS:

oberes Cervical-Syndrom C1-C3
Das obere CS löst beim Betroffenen oftmals starke anfallsartige Kopfschmerzen aus, die auch als Migräne Cervicale bezeichnet werden und sich über das Hinterhaupt bis zum Auge ziehen können. Begleitet werden diese Beschwerden von starkem Schwindel und Übelkeit bis hin zum Erbrechen. Ursache für die Migräne ist eine Kompression der arteria vertebralis, der Wirbelarterie. Einer der Gründe hierfür kann ein verspannter Muskel, im Falle des oberen CS der m.erector spinae cervicale, oder m.trapezius descendens sein. Auf andere Ursachen möchte ich nicht eingehen, das würde den Rahmen sprengen.

mittleres Cervical-Syndrom C3-C5
Vergleichbare Symptomatik wie beim oberen CS, neben starken Kopfschmerzen, tritt oft auch ein ‘Ohrensausen’ mit Schmerzen im Bereich der Ohren und auch dem Kiefer auf. Hauptursache ist auch hier eine verspannte Nackenmuskulatur des mittleren Bereiches (m.trapezius pars descendens, transversale).

unteres Cervical-Syndrom C6-Th1
Auch als Engpass-Syndrom bezeichnet, wenn die Ursache im Bereich der Muskulatur liegt. Dieses CS ist das wohl kritischste der 3 Halswirbelsäulenprobleme. Neben den Kopfschmerzen, können Beschwerden im Bereich der Schulter und des Armes, bis in die Hand einstrahlend entstehen. Hierbei zieht sich der Schmerz vom Schulter-Nackenbereich, über die Außenseite des Ober- und Unterarmes auf der Kleinfingerseite in den Klein-Ringfinger. Neben dem Schmerz, kann es zusätzlich zu Sensibilitätsstörungen, kribbeln der Hand und Finger, sowie motorischen Ausfällen kommen, diese werden zusammenfassend als Parästhesien (griech. “Missempfindung”) bezeichnet. Der Grund für diese Beschwerden liegt in einer Kompression bzw. Schädigung des Plexus Brachialis, Plexus = Nervengeflecht, welches mehrere Nerven bündelförmig vereinigt und diese dann später wieder verzweigt. Dieser Plexus passiert einen Kanal durch die musculi scaleni, der sog. Skalenuskanal. Die Scaleni-Muskeln entspringen der Halswirbelsäule und setzen an der 1. bzw. 2. Rippe an. Sind die Nackenmuskeln, inklusive der Scalenimuskeln verspannt, engt sich logischerweise auch der Skalenuskanal ein, dies drückt dann natürlich auf den Plexus und führt zu den erwähnten Symptomen. Für ein besseres Verständnis, zeigt Abb. 1 den Plexus Brachialis in gelb und den m.scalenus anterior mit der I. Weitere Synonyme für diese Art des unteren Cervical-Syndroms: Scaleni-Syndrom(betrefft den m.scaleni anterior), oder auch das Thoracic Outlet Syndrom(TOS), letzteres wird allerdings wiederum in ein neuropathisches ( = Nerven betreffend), vaskuläres ( = Gefäße betreffend) und kombiniertes unterteilt [3].

(Abb. 1: Plexus Brachialis, m.scalenus anterior)

(Abb. 1: Plexus Brachialis, m.scalenus anterior)

Konservative Behandlung zu Hause

Bevor man sich auf den Weg zum Arzt macht, kann man zu Hause schon etwas für die Vermeidung/Vorbeugung und Linderung, ja sogar Behandlung von Schulter-Nacken Verspannungen tun. Als erstes sollte man auch einmal seine Gewohnheiten untersuchen: sitze ich stundenlang in einer ungünstigen Position am Schreibtisch (Stichwort Sterno-Symphysiale Belastungshaltung)? Trage ich Taschen und Rucksäcke häufig einseitig, womöglich immer auf der selben Seite? Habe ich eine zu weiche Matratze und ein zu weiches Kissen? Lasse ich mich oft sprichwörtlich “hängen” und schleife mit rundem Rücken durch die Gegend? Diese und weitere Fehlbelastungen, sollte man im Alltag genau analysieren und wenn möglich ändern. Dies jedoch braucht Zeit und setzt viel Arbeit vorraus, denn auch die Muskulatur muss sich inklusive der neuronalen Ansteuerung an die ungewohnte – in dem Fall physiologische – Haltung anpassen und einstellen. Nachfolgend gebe ich einige Anregungen und Übungen in der Unterteilung zwischen aktiven und passiven Maßnahmen zur Behandlung und Linderung.

aktive Maßnahmen
Ob bei kurzen Pausen auf der Arbeit am Schreibtisch oder in festen Routinen am Morgen oder Abend sind verschiedene Mobilisierungen betroffener Muskeln im Bereich des Schultergürtels sinnvoll. Bestenfalls erfolgen diese 1 – bis mehrmals täglich und in möglichen Variationen. Nachfolgend gebe ich Beispiele von sinnvollen Übungen die Durchblutung und Beweglichkeit im Schultergürtel/Nackenbereich forcieren:

Neben der aktiven Mobilisation empfehlen sich desweiteren verschiedene Dehnungen der Nacken- und Halsmuskulatur, bei selbigen allerdings darauf achten die Intensität zunächst moderat zu gestalten. Denn dehne ich im schmerzenden Bereich, kann sich die Spannung reflektorisch noch zusätzlich erhöhen und ich verschlimmere die Problematik. Bestenfalls im aufgewärmten Zustand (z.B. nach den Mobility Routinen) täglich zu 3-4 Durchgängen à 20-30sec statisch/dynamisch stretchen:

Ergänzend zu diesen aktiven Maßnahmen kann auch die spezielle Kräftigung der schulterblattumgebenden und stabilisierenden Muskeln zur Beseitung der Verspannungen beitragen. In diesem Artikel gebe ich dazu im letzten Teil einige Beispiele. Zusätzlich finden sich dort weitere Mobility- und Dehnübungen:
Schulterprobleme – Ursachen und Lösungsansätze

passive Maßnahmen
Oberstes Ziel ist hier die Durchblutungs- und Stoffwechselanregung der eingeschränkt versorgten Bereiche unserer verspannten Muskulatur. Diese erreiche ich primär durch verschiedenste Wärmeapplikationen mittels trockener oder feuchter Anwendungen:

Trockenwärme:

  • Heizkissen
  • Wärmflasche
  • ABC-Wärmepflaster
  • Wärmesalben (z.B. Kytta, Finalgon)
  • Rotlicht

Feuchtwärme:

Zur Eigenmassage besteht die Möglichkeit Igel- oder Tennisbälle zwischen Wand und Nacken, bzw. auf dem Boden liegend zu bringen und sich über schmerzende Stellen zu “rollen”. Ebenso ist die Methode des Foam-Rolling ähnlich effektiv und simpel zu Hause durchführbar:

Konservative Behandlung durch den Arzt

Zum einen ist die Behandlung mit lokalen Muskelrelaxantien möglich, diese werden in die verspannten Muskeln gespritzt und senken temporär den Muskeltonus. Letztlich kann er auch diverse Behandlungen beim Physiotherapeuten verschreiben, dieser kann sich das Problem nochmals etwas intensiver ansehen und befundgerecht mit Krankengymnastik und allgemeiner Kräftigung der haltungsgebenden Muskulatur arbeiten. Desweiteren werden Massagen für den Schulter-Nackenbereich verschrieben. Zusätzlich als Maßnahme der Schmerzlinderung kann der behandelnde Arzt auch die Stromtherapie verordnen, Interferrenzströme oder die verschiedenen DD-Stromanwendungen bieten neben der Schmerzlinderung auch eine Resorptions- und Durchblutungsförderung, sowie daraus folgende Muskeltonussenkung. Sollten auch all diese Behandlungen keinen Erfolg mit sich bringen, kann man mittels OP Muskelansätze versetzen, oder Triggerpunkte lokal entfernen.

Literatur:
[1] Muskelhärten/Myogelosen, Sportmedizin http://www.medizinfo.de/sportmedizin…lhaerten.shtml 12.10.2008
[2] Storck U. (2004). Technik der Massage. 19.A. Georg Thieme Verlag: Stuttgart
[3] Das Thoracic Outlet Syndrom, Hausarbeit Pathologische Anatomie, Sandra Lembert, Thomas Fritsche, Jena 14.08.2003 http://jetzweb.de/toofree10/1/Downlo…%20Syndrom.pdf 11.10.2008
[4] Thoracic Outlet Syndrom(TOS) Definition, Symptomatologie, Diagnostik, Therapie, Martin Stadler – Deutsches Medizin Forum http://www.medizin-forum.de/phpbb/kb…e=article&k=59 11.10.2008

Autor: de-fortis