Gesundheit und Sportmedizin Wissenswerte Grundlagen

Dehnen, Sinn und Zweck im Krafttraining

Dehnen im Krafttraining: Sinn & Nutzen von Stretching
Geschrieben von Jadefalke
KERNWERK - Digital Personal Training

Dehnen im Krafttraining, allgemein Stretching im Sport ist ein kontroverses Thema. Dieser Artikel soll dazu dienen Denkanstöße zu geben in wie weit Dehnen Sinn macht und welchen Zweck es im Training hat. Der Inhalt erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

1. Basiswissen Dehnen

1.1. Muskelverkürzung
Ein Muskel KANN nicht verkürzen, er hat auch keine Anteile, die „irgendwie“ kürzer werden koennen. Ein Muskel hat, bei einer ausgewachsenen Person, immer die gleiche Länge;

  • das ist a) jedem mit ein wenig medizinischen Grundwissen nachvollziehbar (warum es keine Anteile gibt, die verkürzen können, wenn man den anatomischen Aufbau kennt)
  • und b) auch hinreichend bewiesen: Egal wie stark verkürzt die Person ist, wenn man sie narkotisiert lässt sich der Muskel immer auf seine „Normlänge“ bringen, die der Person zu eigen ist.

1.2. Kontraktur

Einzige Ausnahme ist die sogenannte Kontraktur, ein bindegewebiger Umbau des Muskels infolge immenser Daueranspannung und mangelnder Bewegung oder starker Traumata. Dies tritt z.B. bei gelähmten Personen auf oder Personen mit (starker) Spastik, die sich selbst nicht bewegen (können) und unzureichend therapeutisch bewegt werden. Eine Kontraktur ist nahezu endgültig, der Körper erkennt den Dauerzustand und da Muskeln Energie verbrauchen macht er das einzig logische, er hält den Zustand langfristig energiesparend.

Da dies aber ein pathologischen Zustand darstellt findet es sich nicht bei Sportlern etc. und ist hier nur der Vollständigkeitshalber aufgeführt.

1.3. Conclusio
Ein Muskel verkürzt nicht!

2. Neurologischer Aspekt des Stretching

2.1. Adaption

Der Körper ist eine sehr geniale, adaptive Vorrichtung. Dies kann von Vorteil sein oder sich auch Nachteilig auswirken (siehe 1.2.), wenn er falsch gefordert wird. Adaption findet immer auf neurologischer wie auch auf physiologischer Ebene statt und orientiert sich immer an dem geforderten, bemessen an Intensität wie auch an Dauer und an Adaptionsmöglichkeiten.

2.2. Propriozeptoren

Im Körper befinden sich sogenannte Propriozeptoren, dies sind „Sensoren“, die sich in Gelenken, Muskeln und Sehnen befinden und konstant Rückmeldung geben wieviel Druck/Zug in diesem Bereich stattfindet. Dieser Vorgang geschieht nicht bewusst aber konstant mit Millionen von Signalen, die überall vom Körper her im Gehirn verarbeitet werden.

Um es zu verdeutlichen, jeder weiß genau (sofern keine pathologische Schädigung vorliegt) in welcher Position seine Arme/Beine/Kopf/Rumpf ist, auch wenn er z.B. die Augen zumacht und jemand sein Arm in Position XY bewegt weiß er es genau, wie der Arm positioniert ist.

Des weiteren hält jeder, wenn er z.B. steht, genau die Muskelspannung, die er braucht um so stehenzubleiben. Nicht mehr und nicht weniger, er brauch es gar nicht zu kontrollieren, es passiert einfach, weil der Körper überall her die Informationen erhält, wieviel Druck/Zug herrscht und er als Reaktion darauf die Muskeln genau mit der Spannung versieht, die er braucht, um in dieser Position zu bleiben.

Dehnen Krafttraining

2.3. Schutzreflex

Ein Muskel verfügt über Schutzreflexe, welchen diesen vor Zerreißen und Gelenke vorm luxieren (auskugeln) bzw. vor Verletzungen schützen sollen; dies geschieht indem die in 2.2. genannten Propriozeptoren Rückmelden mit welcher Geschwindigkeit der Muskel/das Gelenk auf Dehnung/Streckung gehen und mit welcher Intensität.

Wenn diese Geschwindigkeit/Intensität ein gewisses Level überschreitet und v.a. wenn es in die Grenzbereiche geht, dann spannt der Muskel automatisch dagegen um die Strukturen zu schützen. Das hat auch jeder schon mal irgendwie gesehen/gehört, wenn auch vl. nicht so zugeordnet. Nämlich wenn der Doktor mit dem berühmten Reflexhaemmerchen kommt und z.B. unter die Kniescheibe schlägt und das Bein sich darauf leicht streckt. Das Bein befindet sich für diesen Test normalerweise in 90° Beugung, d.h. der Muskel ist im Bereich seiner optimalen Länge um Kraft zu entfalten (diese befindet sich in mittlerer Stellung zwischen Dehnung und maximaler Verkürzung). Der Schlag findet unterhalb der Kniescheibe auf die Sehne statt, die die Kraft vom Quadriceps (Oberschenkelmuskel) zum Unterschenkel überträgt und, wenn der Quadriceps arbeitet, das Bein streckt.

Dieser schnelle Impuls (man kann das, wenn man geübt ist auch einfach mit der Handkante machen) bewirkt eine unerwartete leichte Dehnung worauf der Körper mit dem Schutzreflex reagiert und ein Zusammenziehen vom Quadriceps veranlasst, was den (zugegeben leichten, es ist aber auch nur ein leichter Schlag) Streckimpuls veranlasst.

Diese Schutzreflexe werden auch beim Triceps an dessen Sehne oberhalb des Ellenbogens (genauer oberhalb des Olecranons), bei der Wade im Bereich der Achillessehne etc. getestet, die Testung am Knie kennt aber eigentlich jeder, zumindest vom Hörensagen und im allgemeinen wird es auch bei jedem als Kleinkind getestet (da geht`sgehts allerdings darum, dass die Reflexantwort langsamer wird als früher, aber das zu erklären würde den Rahmen definitiv sprengen).

Den Schutzreflex, oder genauer den sogenannten Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus, also die Antwort aufgrund der Dehnung, nutzen wir ALLE beim Training.

Nehmt einfach mal euer Maximalgewicht z.B. beim Bankdrücken, lasst es euch von jemand auf die Brust legen und versucht es hochzudrücken.

Es wird NICHT gehen; es wird dann gehen, wenn ihr die Übung so beginnt, dass das Gewicht den Muskel auf Dehnung bringt (Intensität) und man hat deswegen auch mehr Kraft, wenn das Gewicht sich schnell bewegt (Geschwindigkeit), da diese beiden Faktoren, wie hier in 2.3. beschrieben, die Reflexantwort bedingen. Je höher die Intensität und die Geschwindigkeit, umso stärker die Reflexantwort.

Oder… ums mal ganz plastisch zu machen:
Versucht mal maximal hoch zu springen. Merkt euch ungefähr die Höhe.

Und jetzt schaut euch mal an, WIE ihr springt.

Ihr geht in die Hocke und kurz vor dem Absprung sackt ihr nochmal schnell ein.

Auf den ersten Blick ist dies totaler Humbug, da man die zu bewältigende Strecke ja nur noch vergrößert.

Aber jetzt versucht das ganze mal bewusst OHNE vorher einzusacken, d.h. genau aus der gebeugten Position, in der ihr seit. Die resultierende Sprunghöhe wird bedeutend geringer sein als mit vorherigem „einsacken“.

Dieser Effekt wird bei jedem Training genutzt, beim Laufen wie beim Gewichtstraining

2.4. Adaption des neurologischen Systems an geforderte Belastungen

Da, wie in 2.1. beschrieben der Körper an Anforderungen adaptiert, sofern sie lange und intensiv genug stattfinden, passen sich auch die (2.2.) Propriozeptoren an. Das heißt, dass wenn ein Muskel nur in einer gewissen Bewegungsamplitude bewegt wird, der Körper dies als seinen „neuen Normbewegungsausschlag“ akzeptiert und das Nervensystem darauf einstellt. Wenn ich also z.B. meinen Biceps trainiere indem ich die Hantel nicht ganz herunterlasse, als z.B. statt 180° Streckung im Ellenbogen nur 140°, sie also nicht ganz herablasse, sondern den Arm gebeugt halte, dann nimmt der Körper dies als neue Normamplitude an.

Dies geschieht natürlich nicht sofort sondern braucht seine Prägungszeit; selbige ist zum einen davon abhängig wie oft und wie dauernd das im Training passiert, aber auch von Alltagssituationen, wie man sich dort hält und bewegt.

D.h. ab einer gewissen Zeit wird der Körper beginnen die Schutzspannung früher zu aktivieren als es eigentlich nötig ist und verlagert den normalen „Bewegungsmittelpunkt“ in der Gradzahl nach oben. Also was eigentlich 90° war ist jetzt 80°.

Genauso erlebt es auch der Mensch, der krumm sitzt; ab einem gewissen Zeitpunkt wird diese neue Position als Normposition erfasst und gehalten.

2.5. Conclusio

Das Nervensystem schützt Muskeln/Gelenke/Bänder durch Abwehrspannung vor Verletzungen indem es bei schneller und/oder starker Änderung der Position des betreffenden Abschnittes in die Richtung der Dehnung eine Gegenspannung erzeugt, die abhängig der geforderten Intensität ist. Dies kann sich an die angeforderten Reize anpassen.

3. Physiologische Aspekte des Stretching

3.1. ROM/Range of Motion/Bewegungsausschlag der Muskulatur
Leider wird oft eines nicht bedacht, was man aber ohne tieferes anatomisches Wissen nicht so einfach wissen kann, insofern kein Vorwurf, zum besseren Verständnis:

Die meisten der „größeren“ Muskeln laufen nicht nur über ein Gelenk, häufig über zwei Gelenke, teilweise sogar über drei.

Um das Beispiel Biceps zu halten, der sich hierfür sehr gut anbietet, möchte ich es an diesem verdeutlichen.

Der Biceps entspringt oberhalb des Oberarms von der Schulter aus und zieht um den Radius/Speiche des Unterarms herum.
Das bewirkt, dass er zwar seine primäre Aufgabe darin findet den Ellenbogen zu beugen, aber auch den Oberarm nach vorne-mitte bewegt (wenn auch schwach, aber es passiert) und, wofür er sehr relevant ist, den Unterarm dreht im Sinne einer Supination; Supination bezeichnet das Drehen des Handtellers nach oben/des Handrückens nach unten.

Kann jeder nachfühlen, wenn er seinen Biceps anfasst und den Handteller der anderen Hand nach unten zeigen lässt und dann den Handteller nach oben dreht; der Biceps wird sich zusammenziehen.

Im übrigen, auch wenn nur eine Randnotiz, aber eine, die ein paar Sachen erklärt, auch der Grund warum Schrauben etc. immer im Uhrzeigersinn reingedreht werden, da man in der Norm von einem Rechtshänder ausgeht und man somit beim reindrehen die Hand im Sinne einer Supination dreht. (Wers nicht glaubt soll mal versuchen eine Schraube mit der linken Hand reinzudrehen, also nicht mit einer Supination sondern einer Pronation.)

Zurück zum Thema… worauf ich hierbei hinaus will ist, dass die maximale Länge des Biceps somit nicht nur die 180° (bei manchen bis zu 15° mehr, jeder hat bestimmt schon mal eine Frau auf dem Fahrradergometer gesehen und bemerkt, wie stark sie den Ellenbogen dabei überstreckt hat (Nein, nix gegen Frauen, sie haben nur meistens mehr Bewegungsausschlag in den Gelenken und mir fiel es sehr häufig gerade bei Frauen auf dem Fahrradergometer auf ) im Ellenbogengelenk, sondern auch auf einen nach hinten-seitlich geführten Oberarm und ein proniertes (Handrücken zeigt nach oben/vorne) Handgelenk.

Wenn ich also z.B. Biceps an einer Scottcurlbank trainiere, dann bringe ich den Biceps vl. auf 180° im Ellenbogengelenk, aber der Oberarm ist vorne und die Handgelenke konstant supiniert. Er wird also NICHT voll gestreckt.

Ob sich das alleine schon „verkürzend“ auswirkt sei dahingestellt, es sollte nur verdeutlichen, dass die maximale ROM (Range of Motion, Bewegungsausschlag des Muskels) häufig multifaktoriell erreicht wird und nicht einfach durch das „Offensichtliche.“

3.2. Kraftmaximum

Wie oben in 2.3. erwähnt gibt es einen Punkt, indem die Muskeln maximal arbeiten können und dieser Punkt ist normalerweise der, indem sich der Muskel genau in der Mitte zwischen maximaler Verkürzung und maximaler Dehnung befindet.

Dies erklärt auch, warum jemand, der z.B. Bicepscurls mit einem zu schweren Gewicht praktiziert, einen Teufel tun wird und den Arm nicht bis 180° streckt. Es wird ihm, siehe 3.1., auch leichter fallen, wenn der Arm VOR dem Körper ist, da er den Muskel damit noch weiter aus der Dehnposition rausbringt.

Dehnung Krafttraining

Im Umkehrschluss heißt es, dass jemand, der mit zu hohem Gewicht konstant trainiert (nicht nur wie bekannt über alle anderen Muskeln ausweicht, Oberkörperschwung etc.), sondern er auch langfristig falsche Impulse an das Nervensystem sendet; da die meisten Leute im Alltag auch eher „krumm“ sind kommulieren sich diese Impulse ans Nervensystem. Warum auch den Biceps voll dehnen können? Es wird ja nie gefordert.

Bitte daraus NICHT den Umkehrschluss machen, dass ein Trainings im Kraftmaximum den meisten Muskelwachstum erzeugt. Muskelwachstum erfolgt multifaktoriell und die Tatsache, dass ein Muskel im Bereich der mittleren Amplitude am meisten Kraft erzeugen kann heißt noch lange nicht, dass die Belastung damit am intensivsten ist.

Um dieses Kraftmaximum möglichst oft und gut zu erreichen nutzt der Körper u.a. die Mehrgelenkigkeit von Muskeln (siehe 3.1.), da er auf diesem Weg erreicht, dass der Muskel bei allen funktionellen Bewegungen in der mittleren Amplitude bleibt.

Um bei dem Biceps-Beispiel zu bleiben (hebt den Arm nach oben/beugt im Ellenbogengelenk), muss man sich mal einen Klimmzug anschauen.
Wenn die Person hängt ist der Biceps im Ellenbogen gedehnt, in der Schulter aber angenähert; also hält der Biceps in etwa die Bewegungsmitte.
Wenn die Person „oben“ ist, dann ist der Biceps im Ellenbogen angenähert, aber in der Schulter gedehnt, er hält also wieder die Bewegungsmitte.

Dieser Effekt tritt bei fast jeder funktionellen Bewegung auf, auch beim gehen und Kniebeugen etc..
Bei Kniebeugen betrachte man mal den stärksten Muskelteil des Quadriceps, den Rectus femoris.
Er entspringt vorne am Becken, zieht über den Oberschenkel zum Unterschenkel.

Er beugt also in der Hüfte und streckt das Knie.

Wenn ich Kniebeugen mache, dann ist der Muskel, wenn ich „oben“ bin in der Hüfte gedehnt, im Knie verkürzt; also Bewegungsmitte. Wenn ich „unten“ bin, dann ist er in der Hüfte angenähert, im Knie gedehnt, also Bewegungsmitte.

So verhält es sich bei fast allen mehrgelenkigen Muskeln bei funktionellen Bewegungen, objektiv betrachtet definitiv ein Argument gegen Isolationsübungen und für funktionelle Übungen, da die Muskulatur definitiv für diese Arbeit mehr ausgelegt ist und auch höhere Leistungswerte erzielen kann.

3.3. Conclusio

Muskel“laenge“ ist von vielen Faktoren abhängig, das Kraftmaximum liegt im Allgemeinen in der „Mitte“, ist aber kein Garant für die Intensität. Dennoch ist der Körper von seiner Funktion auf funktionelle Mehrgelenksübungen ausgelegt.

Conclusio aus 1. 2. und 3.

Ein Muskel wird nie verkürzen, er kann nur falsch „programmiert“ werden. Diese „Fehlprogrammierung“ wird durch die geforderten Impulse bestimmt und findet nicht statt, wenn ein Muskel durch seine volle ROM beansprucht wird.
Diese „Fehlprogrammierung“ verläuft multifaktoriell und ist bedingt durch die Intensität der Reize; ein Training innerhalb kurzer ROM setzt stärkere Reize hinsichtlich der Fehlprogrammierung als Fehlhaltungen; dafür findet die Fehlhaltung deutlich häufiger und länger statt.

Häufig finden sich beide Faktoren zusammen, wenn eine „Verkürzung“ manifest ist.
Des weiteren bedingen viele Sportarten eine gewisse „Verkürzung“, Läufer, besonders Sprinter zeichnen sich fast immer durch kurze Beinmuskeln aus, sie werden ja auch nie in voller ROM beansprucht.

Eine volle ROM schützt gegen „Verkürzungen“, sie KANN nicht eintreten.
Des weiteren kann man die größtmögliche ROM auch nutzen, um gegen Verkürzungen vorzugehen.
Wenn jemand z.B. zu kurze Beinbeuger hat, kann dies durch Kreuzheben in maximaler ROM langfristig behoben werden, da es sich hierbei im Endeffekt um nichts anderes als Dehnen handelt. Leider muss die volle ROM auch in der geforderten Arbeit überwiegen, das ist auch auf die Alltagshaltung bezogen!

Was bewirkt Dehnen?

Dehnen ist das bewusste heranführen des Muskels an seine programmierte Maximaldehnung und arbeitet gegen den Schutzreflex. Jeder, der mal gedehnt hat, merkt das schmerzhafte Anspannen des Muskels gegen die Dehnung, das aber nach einer gewissen Zeit (10-15 Sekunden) verschwindet, wenn der Punkt erreicht ist, dass der Muskel keine Kraft mehr hat (er hat in Dehnstellung wenig Kraft und nutzt v.a. den Reflex zum Gegenarbeiten) und die Reflexantwort abschwächt. Daher kann man, wenn der Gegenspannimpuls „abebbt“, meist auch noch ein Stück weitergehen.

Daraus resultiert, dass ein erfolgreiches Dehnen die Überwindung dieses Punktes bedingt, ein Dehnen unter 10 Sekunden ist hinfällig und hat fast keinen Effekt.

Intensivieren kann man das Dehnen indem man, wenn man, sofern der Gegenimpuls ausreichend abgeebbt ist, die zu dehnende Muskulatur nochmal MAXIMAL anspannt für ca. 10 Sekunden und dann wieder lockert; man wird merken, dass das schmerzhafte Ziehen während der Anspannung verschwindet (man überlagert damit quasi die Reflexantwort und macht die Dehnstellung zu einer willkürlichen Aktion). Allerdings wird man auch merken, dass das Anspannen richtig schwer fällt, da der Muskel, wie oben erwähnt, in seiner Dehnposition kaum Kraft entfalten kann.

Durch dieses maximale Anspannen in der Dehnposition setzt man dem Nervensystem nochmal den deutlichen Impuls, dass der Muskel normal in dieser Position arbeiten und das Nervensystem dies als regulären Ausschlag nutzen soll.

Dies nennt sich CR-Dehnen, Contract-Relax.

Weiter steigern kann man die Effektivität, so abnorm es erst mal klingen mag, wenn man den Antagonisten/Gegenspieler (Biceps/Triceps etc.) in der Dehnposition nochmal für 10 Sekunden anspannt. Das Nervensystem erzeugt darauf ein Effekt, der sich „Reziproke Hemmung“ nennt, also eine gegenläufige Hemmung.

Wenn ein Muskel eine hohe Spannung anliegen hat, man aber die Bewegung in die Gegenrichtung ausführen will, müsste der Gegenspieler ja nicht nur gegen Schwerkraft und/oder das zu bewegende Gewicht arbeiten, sondern auch gegen die Muskelspannung des gegenläufigen Muskels.

Damit das nicht passiert gibt es den Effekt der Reziproken Hemmung, das Nervensystem schickt, sobald ein Muskel arbeitet, einen Impuls an seinen Antagonisten, dass dieser locker lassen soll und die Bewegung somit erleichtern soll.

Genau das kann man beim Dehnen auch praktizieren, indem man in der Dehnstellung den Gegenspieler für 10 Sekunden anspannt, eine kurze Lockerung eintreten lässt und dann weiter in die Dehnung reingeht.

Das Anspannen des Gegenspielers ist auch nicht einfach und oft ungewohnt, da der Gegenspieler, im Gegensatz zum Zielmuskel, maximal verkürzt ist und somit wenig Kraft leisten kann und dazu weil das bewusste Anspannen ein sehr ungewohnter Akt bei maximaler Verkürzung ist, der normalerweise nicht auftritt.

Wer das noch nicht erlebt hat, sollte mal versuchen sich in den Spagat zu dehnen (oder das, was was für ihn dem am nächsten kommt) und dann die Abduktoren, also die Muskeln, die die Beine nach außen bewegen, anzuspannen. Es ist am Anfang ein sehr seltsames Gefühl, weil man einfach nicht weiß, wie man das machen soll.

Diese Dehnform nennt sich AC-Dehnen, Antagonist-Contract.

Am intensivsten ist die Kombination aus beidem, also CR-AC-Dehnen. Den Muskel in die Dehnstellung bringen, dort 10-15 Sekunden verharren, den Agonisten (Zielmuskel) für 10 Sekunden maximal anspannen, danach leicht lockern lassen, weiter in die Dehnung gehen, dann den Gegenspieler maximal anspannen für 10 Sekunden, wieder lockern lassen, vl. nochmal versuchen weiter reinzudehnen und dann auflösen.

WANN & WIE dehnen?

Dehnen VOR dem Training ist relativ sinnfrei, da Dehnen den Muskel in seinem Tonus senkt. Der Tonus ist aber analog zur Intensität einer Reflexantwort, dem oben beschriebenem Schutzreflex, sofern es sich nicht um einen pathologischen Tonus handelt.

Man BRAUCHT den Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus und damit die starke Reflexantwort um Leistung zu bringen. Jeder wird sich nach Dehnen erst mal schwerfällig fühlen, natürlich, der Tonus ist ja reduziert.

Also kein Dehnen vor dem Training.

Dehnen nach dem Training?

Schwierige Frage, zum einen erhöht es definitiv den Muskelkater oder zumindest das Risiko darauf, da Muskelkater kleine Risse der Z-Streifen sind welche durch das Dehnen vergrößert werden.

Ob dieser Muskelkater jetzt Muskelwachstum begünstigt oder nicht ist eine andere Frage und soll hier nicht erörtert werden.

Aufjedenfall erhöht Dehnen nach dem Training damit die Regenerationszeit und steigert den Muskelkater. Ob das für einen sinnvoll oder nicht ist, soll jeder für sich selbst entscheiden.

Für das Dehnen ANSICH ist es, sofern nötig (da, wie oben beschrieben, bei einer adäquaten ROM keine „Verkürzungen“ auftreten und Dehnen somit nicht nötig ist, sofern die ROM genutzt wird (im Training wie im Alltag keine Fehlprogrammierungen stattfinden), ist es am sinnvollsten es in einer separaten TE zu nutzen und dies auch länger zu praktizieren, der Erfolg des Dehnens unter 20 Sekunden ist bedeutend geringer, man sollte es also zeitlich angemessen und intensiv betreiben.

Zwei typische Mythen/Irrtümer

1. Dehnen ist nicht verletzungspräventiv; dieser Mythos ist hinreichend von allen relevanten Studien belegt worden.
Jemand der sich viel dehnt erleidet nicht weniger Verletzungen als jemand, der nicht dehnt!

2. Dehnen alleine reicht nicht um Fehlhaltungen etc. aufzuheben, eine Fehlhaltung setzt sich auf „verkürzten“ Muskeln und einer Fehlprogrammierung des Halteapparates zusammen, wobei die „Verkürzung“ eine Folge der Fehlprogrammierung darstellt.
D.h. wenn sich jemand falsch hält beginnt der Körper dies ab einer gewissen Zeit als Normhaltung anzunehmen und die Muskeln dementsprechend anzupassen.
Wenn ich die problematischen Muskeln aufdehne haben die zwar darauf mehr Spiel, die Haltung ändert sich aber nicht.

Um eine Fehlhaltung aufzulösen benötigt es mehr als Kräftigung der schwachen Muskeln und Dehnen der „verkürzten“, es benötigt v.a. eine Umprogrammierung und dies geschieht v.a. im Alltag.

Die meisten hätten es gerne einfacher, aber ich formuliere es mal, dass es plastischer wird. Die meisten Leute haben sich die Fehlhaltung jahrelang antrainiert; wenn es nur 5 Jahre schlechte Haltung waren (meistens sinds bedeutend mehr, nahezu ein Leben lang) reden wir hier schon von 43.680 Stunden, die das System darauf geschult wurde diese Haltung anzunehmen.

In diesen 43.680 Stunden ist auch der Schlaf enthalten, denn die wenigsten werden „gerade“ liegen; die Schlafposition wirkt sich zwar nicht so stark auf das System aus wie eine bewusste Alltagshaltung, aber wer mal, gerade bei älteren Leuten, deren Schlafposition gesehen hat, weiß genau was ich meine.
Die meisten brauchen ein hohes Kopfkissen, um eine „krumme“ Schlafposition einzunehmen, flach können die meistens garnichtmehr liegen, geschweige denn einschlafen.

Eine Woche hat 168h; die meisten schlafen 7h pro Nacht. D.h. wir streichen (auch wenn ich es oben mit eingezogen habe) mal 49h pro Woche weg und haben noch 119h die für eine bewusste Haltung genutzt werden.

119h

Wie viel Stunden verbringt ihr mit Training und Haltungspflege?
3h die Woche? 5h vielleicht sogar?

Lächerlich kleiner Wert im Verhältnis, oder?

Es erklärt auch sehr plastisch, warum die Krankengymnastik bei vielen Leuten nicht soviel bringt, wie sie könnte, wenn sie Rückenprobleme haben.

Weil die Leute selber nix tun oder meistens nur dann was tun, wenn es gerade weh tut.

Die meisten Leute mit Rückenproblemen kommen zur Krankengymnastik nachdem sie 20-30 Jahre das System falsch programmiert haben, betreiben (seien wir mal optimistisch) 18 Einheiten Krankengymnastik zu je 30 Minuten, 2 mal die Woche.

Eine Stunde pro Woche gegen verbliebene 118h?

Wenn man es so nüchtern sieht ist es sogar eher erstaunlich, dass überhaupt was passiert.

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Über den Autor

Jadefalke

Jadefalke ist Sportwissenschaftler und (Sport-) Physiotherapeut. Er trainiert seit über einem Jahrzehnt und kann zusätzlich praktische Erfahrungen aus dem Leistungssport (Klettern und Taekwondo) und als Trainer vorweisen.

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